Donnerstag, 6. Mai 2021

short story: Der supermotivierte Jungverkäufer

(c) pixabay - DrMedYourRasenn

Ich hasse diese mega-positiven Online-Marketers, die mit aufgesetzten, unechten Sprüchen tschakkatschakka einen auf supersmart machen und wertvolle Lebenszeit rauben! Eben rief wieder so einer an. …

Das Telefon klingelt und ich gehe ran: „Anders.“

„Hallo, spreche ich mit Gudrun?“

Die Stimme war sehr jung, kam mir unbekannt vor und duzte mich. Mein innerer Alarm für supermotivierte Vertriebspartner war angeschaltet. „Ja, wer bist du?“

„Hallo, das ist ja super, dass ich dich sofort zu fassen bekomme!! Wie geht’s dir???“

„Gut, danke.“

Die Stimme, wieder hochmotiviert. Wahrscheinlich strahlte er gewollt von einer Backe zur nächsten. „Ach, das ist ja wunderschön! Du bist also heute mit dem richtigen Bein aufgestanden und kannst diesen wundervollen Sonnentag genießen?“ Es waren tatsächlich die Backen, nicht die Wangen …

„Ja, komm‘ doch mal zum Punkt… Was möchtest du von mir?“ Ich versuchte freundlich zu bleiben, um herauszufinden, was der junge Mann mir anbieten wollte. Manchmal ist es ja gar nicht soo schlecht, weiter zuzuhören. Verpasste Chancen kommen ja bekanntlich nicht wieder.

Ich vernahm ein kurzes Stutzen in der Leitung, offensichtlich hatte ich ihn mit meiner Gegenfrage etwas aus dem Konzept gebracht. „Äh, ja … Hallo, Gudrun, ja, also, ich rufe an von ….. Du hast letztens das Buch …. von …. gekauft. Hat es dir gefallen?“

„Ja.“ Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich hatte das Buch bestellt, die ersten 10 oder 15 Seiten gelesen und festgestellt, dass der überaus reißerische Titel weitaus mehr versprach als der Inhalt. Ein Studienabbrecher hatte eine Marktlücke im Internet entdeckt, sich selbständig gemacht und mit E-Books und anderen Onlinegeschäften sehr viel Geld in kurzer Zeit verdient. Mich hatte die Geschichte aufgrund meines Berufes als Autorenberaterin schon interessiert.

„Na, das ist ja wundervoll. Hast du denn jetzt schon ein Buch geschrieben?“

„Ja, etwa dreißig.“

Er ließ sich von der Kürze meiner Antworten nicht beeindrucken und fragte weiter: „Und wie hast du die vermarktet?“

„Im Internet“, antwortete ich wahrheitsgetreu, aber kurz angebunden.

„Und wie viele hast du verkauft?“

Was bitte geht das einen unbekannten Menschen an, wie viele Bücher ich verkauft habe? Ich antwortete also – mittlerweile leicht genervt: „Genug.“ Ich war gespannt, was als nächstes kam …

„Also, Gudrun, erfahrungsgemäß haben die Leute, die sagen ‚genug‘, nicht genug Bücher verkauft. Ich würde dir da unser kostengünstiges Coaching anbieten, damit du mal mehr verkaufst als bisher.“

Das reichte jetzt nun wirklich. Ich hatte keine Lust mehr auf dieses sinnlose Gespräch und konterte, um einigermaßen Freundlichkeit bemüht: „Ich bin seit mehr als 30 Jahren in der Buchbranche tätig und weiß ziemlich genau, was ich zu tun habe und was nicht. Und es geht dich nichts an, wie viele Bücher ich verkaufe oder nicht. Danke, ich möchte dein Coaching nicht und streiche mich bitte mit sofortiger Wirkung aus deiner Anrufliste und dem Verteiler.“

„Warum denn gleich so unfreund…“ hörte ich noch, dann hatte ich aufgelegt und schüttelte den Kopf. Mal sehen, wann der nächste geschulte Vertriebspartner von dieser Millionen machenden superdruper Firma anruft …

Und die Moral von der Geschichte?

Klar kann man mit E-Books, Internetmarketing und einem guten Vertriebsteam sehr viel erreichen und wahrscheinlich auch Millionenumsätze generieren, aber es gehört immer noch Arbeit dazu. Und wenn schon trainierte Telefonverkäufer anrufen, dann doch bitte keine gedrillten Jungverkäufer mit auswendig gelernten und wahrscheinlich abgelesenen Phrasen, sondern echtes Interesse an Menschen und deren Vorankommen. Wir an der anderen Seite der Leitung sind doch keine Idioten oder Menschen zweiter Klasse, weil wir ein Buch von einem (angeblichen) Bestseller-Autor bestellt haben. Mir erweckt sich der Eindruck, dass mehr nach den eigenen Umsätzen geschaut wird, statt wahre Hilfe anzubieten. Und das entspricht ganz und gar nicht meinen Vorstellungen, weder als Berater noch als Mensch.

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(c) Gudrun Anders, Aachen www.gudrun-anders.de 

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